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Chemikalien im Trinkwasser: «Wie das Fischen im Trüben»

Die Schweiz verfügt über ausreichend Trinkwasser in hoher Qualität. Immer wieder erschüttern jedoch Nachweise von gesundheitsgefährdenden Stoffen das Vertrauen der Menschen. Das Fungizid Chlorothalonil ist nur ein Beispiel, warum sauberes Trinkwasser auch bei uns nicht selbstverständlich ist. Kurt Seiler ist Kantonschemiker und zuständig für die Trinkwasserqualität in den beiden Appenzeller Kantonen sowie im Kanton Schaffhausen. Mit aqua viva spricht er über die Probleme des Pestizid- und Düngemitteleinsatzes und erklärt, warum Politik, Behörden und Landwirtschaft diese nur gemeinsam lösen können.

Das Interview führte Tobias Herbst.

Bild 1: Kurt Seiler ist Leiter des Interkantonalen Labors und Kantonschemiker der beiden Appenzeller Kantone sowie des Kantons Schaffhausen. 

Herr Seiler, was macht eigentlich ein Kantonschemiker?
Als Kantonschemiker bin ich mit meinem Team verantwortlich für den Vollzug des Lebensmittelrechts. Und Trinkwasser ist das wichtigste Lebensmittel. Rund jede zweite Probe, die an einem Kantonalen Labor der Schweiz untersucht wird, ist eine Trinkwasserprobe. Das zeigt den hohen Stellenwert. Das Interkantonale Labor ist im Kanton Schaffhausen zudem zuständig für den Vollzug des Gewässerschutz- und Umweltrechts.

 Wo überall entnehmen Sie die Wasserproben?
Nebst den Oberflächengewässern beproben wir das Trink- und das Grundwasser. Grundwasser ist der wichtigste Rohstoff des Trinkwassers, denn in der Schweiz wird rund 80 Prozent des Trinkwassers aus dem Grundwasser gewonnen. Aber Grundwasser darf nicht einfach dem Trinkwasser gleichgesetzt werden. Denn Trinkwasser stammt oft aus mehreren Grundwasser- oder Quellfassungen und wird zudem zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern geleitet. Dabei kann es Veränderungen erfahren. Um einen guten Überblick zu erhalten, entnehmen wir Proben direkt bei den Grundwasserpumpwerken, aber auch aus dem Trinkwassernetz.

Wie viele Proben entnehmen Sie pro Jahr?
In der gesamten Schweiz haben die Kantonalen Laboratorien im letzten Jahr rund 60000 Trinkwasserproben untersucht. Darüber hinaus haben die Wasserversorger die Pflicht, die Qualität ihres Lebensmittels laufend zu überprüfen. Bei uns am Interkantonalen Labor liegt der Fokus besonders stark auf der Wasseranalytik, weil wir Schwerpunktlabor dafür sind. Wir führen Spezialuntersuchungen insbesondere für die Ostschweizer Kantone und auch für den Bund aus.

Wie hat sich die Qualität dieser Proben in den letzten Jahren entwickelt?
Traditionell liegt der Fokus in der gesamten Schweiz sehr stark auf den mikrobiologischen Beeinträchtigungen. Zum Schutz vor Viren und Bakterien haben wir Grundwasserschutzzonen ausgeschieden und auch die Untersuchungen primär danach ausgerichtet. Die Schutzzonen sind zwar nicht überall ganz nach dem Buch- staben des Gesetzes ausgeschieden, aber die zahlreichen mikrobiologischen Ergebnisse belegen, dass wir diesbezüglich keine gewichtigen Probleme haben – von einzelnen Unfällen abgesehen. Im Falle von Nitrat und Pflanzenschutzmitteln sieht es etwas anders aus.

Bild 2: Grundwasserschutzzonen reichen nicht aus, um unser Trinkwasser vor Nitrat und Pestiziden zu schützen – auch die Zuströmbereiche müssen ausgeschieden werden.

Gibt Ihnen die aktuelle Gesetzeslage genügend Spielraum, um wirklich effektiv auf solche Vorfälle zu reagieren?
Ja, grundsätzlich haben wir alle Befugnisse. Doch bei langlebigen Stoffen kann man nicht einfach den Schalter umlegen. Langlebige Stoffe wie jetzt Chlorothalonil oder früher schon Atrazin sind noch Jahre oder sogar Jahrzehnte nach deren Verbot nachweisbar. Der wichtigste Schritt war daher ein schnelles Einsatzverbot.

Allgemein sind wir schnell bei Feuerwehrübungen, da kann es kosten was es will. Wir tun uns aber schwer, den Blick in die Zukunft zu richten und vorsorgend zu handeln. Informationen über zugelassene Stoffe müssen viel schneller bei uns ankommen. Nur so können wir die Situation frühzeitig kontrollieren und werden nicht nach Jahrzehnten überrascht. Mit dem Herauslösen der Zulassungsstelle aus dem Bundesamt für Landwirtschaft hat der Bundesrat einen ersten wichtigen Schritt in Richtung mehr Unabhängigkeit gemacht. Er hat auch angekündigt, dass er die Transparenz erhöhen will. Das begrüssen wir sehr.

Mit der parlamentarischen Initiative der Kommissionen für Wirtschaft und Abgaben (WAK) werden aktuell weitere, wichtige Änderungen vorgeschlagen: Zukünftig muss die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln überprüft und angepasst werden, wenn Wirkstoffe oder deren Abbauprodukte über 0,1 Milligramm pro Liter auftreten – unabhängig davon, ob die Abbauprodukte relevant sind oder nicht. In den Ausführungsverordnungen schlägt der Bundesrat bei Stickstoff eine Reduktion um 20 Prozent bis 2030 vor. Das ist ehrgeizig. Allerdings wurden in diesem Bereich schon viele Ziele gesetzt und leider nicht erreicht. Zudem zeichnet sich ab, dass auch eine Ausscheidung von Zuströmbereichen bei den wichtigsten Grundwasserpumpwerken zur Pflicht werden könnte. Für einen besseren Schutz vor unliebsamen Stoffen ist das zentral. Dank den Zuströmbereichen wissen wir dann auch, woher unser Trinkwasser kommt.

Bild 3: Extensive Graswirtschaft schont die Gewässer und fördert die Artenvielfalt.

Wir wissen nicht, woher unser Trinkwasser kommt?
Nein, in der Regel nicht. Hierzu braucht es aufwendige hydrogeologische Untersuchungen. In der gesamten Schweiz gibt es aktuell lediglich circa 50 ausgeschiedene Zuströmbereiche. Diese müssen nach geltendem Gewässerschutzrecht eben erst ausgeschieden werden, wenn es ein Problem gibt. Dann ist es aber zu spät. Erst wenn wir wissen, woher das Trinkwasser kommt, können wir dieses auch entsprechend schützen. Die Zuströmbereiche haben aber noch einen weiteren Wert. Wir als Konsumenten sind ja eigentlich interessiert daran, woher unsere Lebensmittel kommen. Warum soll das beim Trinkwasser, dem wichtigsten Lebensmittel, nicht so sein?

Müssen wir uns grundsätzlich Sorgen machen um unser Trinkwasser?
Mit dem Hydro-CH2018 Projekt hat der Bund die Auswirkungen des Klimawandels auf die Wasserressourcen in der Schweiz untersucht. Demnach wird es im Sommer längere Trockenphasen geben, die wiederum vor allem regional zu verschärften Interessenskonflikten um das Wasser führen können. Die Qualität des Wassers spielt hierbei eine wichtige Rolle: Je weniger qualitativ gutes Grundwasser wir haben, desto mehr verschärfen sich auch die Interessenskonflikte. Darum müssen wir auch unter dem Blickwinkel des Klimawandels unserem Grundwasser Sorge tragen.

Herr Seiler, vielen Dank für das Gespräch

Das gesamte Interview und vieles mehr zur Pestizid- und Nährstoffbelastung unserer Gewässer lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von aqua viva "Fokus Wasserqualität" (2/2021) - der Zeitschrift für Gewässerschutz.

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