Bild: © Gianna Baumann
Artikel aus aqua viva 1/2026
Natürliche Prozesse als Grundlage für gute Kieslaichplätze
Kieslaichende Fische sind auf geeignete Kieslaichplätze angewiesen, um ihre Bestände langfristig selbst zu erhalten. Menschliche Eingriffe in die Gewässer haben diese Lebensräume vielerorts zerstört. Ein Blick auf Gewässermorphologie und Sedimentdynamik zeigt, wo geeignete Laichplätze entstehen und wie sie sich nachhaltig schützen oder wiederherstellen lassen.
Von Christoph Hauer
Kieslaichplätze sind Grundvoraussetzung für Populationen von Forellen und anderen Salmoniden und kieslaichenden Fischen. In vielen mitteleuropäischen Fliessgewässern sind Kieslaichplätze aufgrund von Gewässerregulierung, Wasserkraftnutzung
und erhöhten Feinsedimenteinträgen, vor allem aus der Landwirtschaft, stark reduziert worden. Daher sind kieslaichende Fischarten selten geworden oder verschwunden. Der Fortbestand dieser Fische wird durch gesetzliche Verordnungen gefordert, unter anderem mit der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) des Europäischen Parlamentes und Natura 2000, einem zusammenhängenden Netz von Schutzgebieten innerhalb der Europäischen Union.
Morphologische Klassifizierung nach Längsprofil
Grundlagen der Bildung von Kieslaichplätzen
Um Kieslaichplätze schützen oder wiederherstellen zu können, ist es wichtig, deren Verfügbarkeit und Qualität zu verstehen. Klimatische, geologische und topographische Rahmenbedingungen tragen dazu bei, dass Fliessgewässer unterschiedliche morphologische Formen und Strukturen ausbilden. Aus diesen gehen wiederum unterschiedliche hydro-morphologische (Habitat-) Typen hervor. Die Klassifizierung dieser unterschiedlichen morphologischen Formen (Typen) von Fliessgewässern kann auf zwei Arten erfolgen; aufgrund der Eigenschaften des Gewässergrundrisses, das heisst der Draufsicht des Gewässers auf Luftbildern, oder basierend auf dem Längsprofil (Abb. 1).
Die Klassifizierung in Anlehnung an die Grundrissformen ist als historisch einzustufen (zum Beispiel Leopold et al. 1964), sie findet aber noch Anwendung in der wasserwirtschaftlichen Praxis, zum Beispiel bei Restrukturierungs- und Renaturierungsprojekten – meist jedoch ungeachtet einer möglichen Veränderung des Sedimentregimes. Die Klassifizierung von Längsprofilen erarbeiteten beispielsweise Montgomery & Buffington (1997), wobei sie in Abhängigkeit des Gefälles und des Sedimentdargebots fünf unterschiedliche Typen auswiesen (Abb. 1). Für die Unterscheidung und Bewertung der morphologischen und sedimentologischen Rahmenbedingungen hinsichtlich der Verfügbarkeit und Qualität von Kieslaichplätzen ist diese Klassifizierung eindeutiger in ihren Aussagen und daher besser geeignet als die Grundrissform. Zum einen tritt der Furt-Kolk Typ, der in Studien als besonders geeignet für ein erfolgreiches Ablaichen von Salmoniden beschrieben wird, bei unterschiedlichen Fliessgewässergrundformen auf. Die hydraulisch günstigen Eigenschaften für die eigendynamische Entwicklung von Kieslaichplätzen in den Übergangsbereichen flussabwärts von lokalen Tiefstellen (Kolke) hin zu den Furten sind sowohl in gestreckten Fliessgewässerabschnitten als auch in verzweigten, gewundenen und mäandrierenden Flüssen möglich. Zum anderen ermöglicht die Klassifizierung nach Längsprofil die Möglichkeit, eine Bewertung in Abhängigkeit des Gefälles und des Sedimentdangebots (Überschuss oder Defizit).
Restaurierung von Kieslaichplätzen
Die vollständige oder teilweise Wiederherstellung des Sedimentkontinuums – also des natürlichen Sedimenttransports vom Ober- in den Unterlauf – gilt unabhängig vom morphologischen Fliessgewässertyp als die nachhaltigste Methode zur Gewährleistung von Kieslaichplätzen in regulierten Gewässern. Sie ermöglicht die kontinuierliche Erneuerung des Laichsubstrats und verhindert dessen Verarmung oder Verstopfung durch Feinsedimente. Nur so kann die Qualität des Laichsubstrats in anthropogen geprägten mitteleuropäischen Einzugsgebieten mit erhöhtem Feinsedimentanteil ohne Instandhaltung gewährleistet werden. Die nachhaltige Erreichung, des «guten ökologischen Zustands» (gemäss WRRL) sowie eines «Guten Erhaltungszustandes » der Schutzgüter (gemäss NATURA 2000), wird daher in vielen Fällen nur möglich sein, wenn der Feststoffhaushalt auf Einzugsgebietsebene einbezogen wird, zum Beispiel durch Öffnen des Kontinuums in den Zuflüssen oder den Umbau von Geschiebesperren.
Künstliche Kieszugaben und Sedimentauflockerungen können ebenfalls Kieslaichplätze schaffen. Je nach Gewässerbettdynamik und Feinsedimenteintrag erfordern sie jedoch meist Pflege- und Instandhaltungsmöglichkeiten. Solche regelmässigen
Massnahmen bieten in vielen Gewässern, in denen die Wiederherstellung des Sedimentkontinuums nicht realisierbar ist, etwa durch grosse Speicherseen, eine Möglichkeit, die Reproduktion kieslaichender Fischarten zu gewährleisten. Neben der Wasserqualität und der biologischen Durchgängigkeit müssen die Themen Geschiebehaushalt und Sedimentqualität in den kommenden Jahren mit vergleichbarer Intensität behandelt werden, um die gewünschten Umweltziele zu erreichen.
- Leopold, L.B., Wolman, M.G., Miller, J.P. 1964. Fluvial processes in geomorphology. Freeman, San Francisco, CA.
- Montgomery, D.R., Buffington, J.M. 1997. Channel reach morphology in mountain drainage basins. Geological. Society of American Bulletin 109: 596-611.
- Wasserrahmenrichtlinie
- Natura 2000
Autor:innen
Christoph Hauer
ist Assistenzprofessor am Institut für Wasserbau, Hydraulik und Fließgewässerforschung an der BOKU University in Wien und leitet dort die Arbeitsgruppe Ökohydraulik und Naturnaher Wasserbau. Weiter war er Leiter des Christian Doppler Labors für «Sedimentforschung und –management» in den Jahren 2017 – 2024.
MEHR GEWÄSSERNEWS
Einigung zum Gewässerraum der Thur bei Weinfelden
Starke Umweltbildungssaison 2025: 700+ Kinder erforschten ihre Bäche im Kanton Zug
