Skip to main content

Vier rund einen Meter hohe Schwellen versperren an der Alp (SZ) Fischen den Weg. Mit Unterstützung von Fluss frei! können sie bis 2028 entfernt und die Durchgängigkeit wiederhergestellt werden. Bild: © Yanik Fuchs, Aqua Viva

Artikel aus dem Jahresbericht 2025 in aqua viva 2/2026

Fische müssen wandern!

Wenn Gewässer wieder vernetzt sind, profitieren Fische, Lebensräume und wir Menschen. Aqua Viva engagiert sich schweizweit dafür, Flüsse und Bäche wieder durchgängig zu machen: Wir begleiten Wasserkraftprojekte fachlich, um die Fischgängigkeit sicherzustellen, und unterstützen mit Fluss frei! den Rückbau nicht mehr genutzter Hindernisse.

Von Yanik Fuchs

Unsere Flüsse und Bäche sind hochdynamische Ökosysteme und bilden die Lebensadern unserer Landschaft. Sie regulieren den Wasserkreislauf, transportieren Nährstoffe und schaffen durch ihre natürliche Dynamik vielfältige Lebensräume – etwa Auenlandschaften als Hotspots der Biodiversität. Damit Flüsse diese Funktionen erfüllen können, benötigen sie ausreichend Raum und eine intakte Längsvernetzung – frei von Schwellen und Wehren, die ihren natürlichen Fluss unterbrechen.

Freie Flüsse, funktionierende Ökosysteme

Besonders für Fische sind vernetzte Gewässer zentral. Alle Arten bewegen sich zur Nahrungssuche, zur Fortpflanzung oder um geeignete Rückzugsräume zu erreichen. Wanderfische wie Lachs, Forelle oder Nase überwinden sogar Distanzen von hunderten bis tausenden Kilometern. Auch im Kontext des Klimawandels gewinnt die Vernetzung der Gewässer an Bedeutung. Steigende Wassertemperaturen und vermehrte Trockenperioden setzen die aquatischen Lebensräume unter Druck. Fische müssen in kühlere oder wasserführende Abschnitte ausweichen können. Darüber hinaus sind freie Fliessgewässer essenziell für eine natürliche Geschiebedynamik. Kies, Sand und Steine werden transportiert und umgelagert, wodurch fortlaufend neue Lebensräume – darunter auch Laichplätze für Fische – entstehen. Diese Dynamik ist eine zentrale Voraussetzung für artenreiche und stabile Gewässerökosysteme.

Ein Land voller Hindernisse

Unsere Flüsse gehören zu den am stärksten verbauten Gewässern weltweit. Sie wurden grossflächig begradigt und zur Stabilisierung wurden unzählige Schwellen und Wehre errichtet. Heute steht durchschnittlich alle 650 Meter ein Hindernis im Gewässer – insgesamt sind es über 170'000 Querbauwerke.

Diese Bauwerke erscheinen oft harmlos, sind jedoch für viele Arten unüberwindbare Barrieren. Als Folge sind besonders die Bestände von Wanderfischen in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen. Einige Arten wie der Lachs sind ganz verschwunden.

Ein atlantischer Lachs, der ein Wehr überspringt
Der Atlantische Lachs kann bis circa 3 Meter hoch springen. Doch für kleine Fische kann bereits eine Schwelle von 20 Zentimeter Höhe unüberwindbar sein. © dannymoore 1973, pixabay

Für die freie Fischwanderung

Aqua Viva setzt sich schweizweit für die Wiederherstellung der Längsvernetzung von Flüssen und Bächen ein. Ein zentraler Fokus liegt auf Wasserkraftwerken, bei denen wir Projekte zum Fischauf- und abstieg fachlich begleiten. Dabei achten wir darauf, dass Wanderhilfen wie Fischtreppen für alle vorkommenden Arten passierbar geplant werden und Fische beim Abstieg wirksam vor Schäden durch Turbinen geschützt werden.

Im Jahr 2025 hat Aqua Viva insgesamt 15 Gewässerprojekte zur Fischwanderung begleitet. Die folgenden drei Beispiele veranschaulichen Erfolge unserer Arbeit:

  • Ein herausragendes Beispiel ist der geplante Rückbau des Kraftwerks Brunnen an der Muota (SZ). Durch einen sehr konstruktiven Prozess mit der Betreiberin diverser Kraftwerke an der Muota wird bis 2028 ein nicht mehr wirtschaftliches Wasserkraftwerk entfernt und ein ganzer Flussabschnitt revitalisiert. Dadurch entsteht neuer Lebensraum für die seltene Muotaseeforelle.
  • An der Thur (TG) wurde mit dem teilweisen Rückbau der Zürcherschwelle ein wichtiges Hindernis beseitigt. Zusätzlich konnte ein kühler Seitenzufluss wieder angebunden werden, was temperaturanfälligen Arten wie der Äsche in heissen und trockenen Sommern zugutekommt.
  • An der Sihl (SZ) begleitet Aqua Viva die Sanierung der Fischgängigkeit mehrerer Wasserkraftwerke. Wir konnten im Jahr 2025 erreichen, dass alle geplanten Fischwanderhilfen auch für grosse Arten wie Seeforelle oder Lachs passierbar werden.

Rückbau ist die beste Lösung!

Viele der bestehenden Hindernisse erfüllen heute keine Funktion mehr. Mit dem Projekt Fluss frei! setzt sich Aqua Viva gezielt dafür ein, solche obsoleten Hindernisse zu entfernen und betroffene Gewässerabschnitte wieder in einen natürlichen Zustand zu versetzen.

Fluss frei! initiiert diese Projekte aktiv, indem Gemeinden, Kantone, Planer:innen und Eigentümer:innen an einen Tisch gebracht werden. Gemeinsam erarbeiten wir tragfähige Lösungen, die ökologische und gesellschaftliche Aspekte berücksichtigen. Mit diesem kooperativen Ansatz erzielten wir im Jahr 2025 wichtige Fortschritte:

  • Am Altbach (ZH) wurde ein rund 80 Zentimeter hohes, für Bachforellen unpassierbares Wehr entfernt. Dadurch sind nun wieder 5 Kilometer Gewässer mit der Glatt verbunden, was den Lebensraum deutlich aufwertet.
  • An der Alp (SZ) konnte Fluss frei! alle relevanten Akteur:innen zusammenbringen und den Anstoss für ein umfassendes Rückbauprojekt geben. Bis 2028 sollen vier unpassierbare Schwellen entfernt und die Durchgängigkeit wiederhergestellt werden.
  • Gleichzeitig wurden wichtige Grundlagen für kommende Projekte geschaffen. Am Talent (VD) wird im Frühling 2026 ein 3 Meter hohes Wehr entfernt. Damit werden 28 Kilometer Fluss vernetzt. Am Tobelbach (ZH) werden im Sommer 2026 neun kleine Abstürze beseitigt, sodass künftig auch schwimmschwache Arten wie Schmerle, Groppe oder Elritze wieder wandern können.

Lebendige Gewässer brauchen freie Wege. Mit jedem entfernten Hindernis, jedem revitalisierten Abschnitt und jedem passierbaren Wasserkraftwerk kommen wir diesem Ziel näher – für Fische, für die Biodiversität und für uns alle. Unser herzlicher Dank gilt allen Partnern und Unterstützer: innen, die sich gemeinsam mit uns für lebendige, vernetzte Gewässer einsetzen.

Ein Beispiel für sinnvollen Rückbau

Gemeinsam mit dem Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft des Kanton Zürich haben wir ein altes Wehr  von 80 Zentimetern Höhe entfernt. Wegen des Rückbaus und Strukturierungsmassnahmen können Fische wieder wandern. Insgesamt haben wir etwa einen Kilometer Bach vernetzt und 300 Meter aufgewertet.

Ihr Kontakt

Yanik Fuchs

Yanik Fuchs

Projektleiter Gewässerschutz

+41 52 510 14 56

MEHR GEWÄSSERNEWS

Gemeinsam forschen, verstehen und schützen

Aqua Viva setzt Citizen Science gezielt in der Umweltbildung und im Gewässerschutz ein. Freiwillige und Schulklassen erfassen wertvolle Daten, entdecken Gewässer neu und stärken gleichzeitig ihr Verständnis für ökologische Zusammenhänge. So verbindet Aqua Viva Forschung und Engagement für lebendige Gewässer.

Interview: Der Pfynwald im Wandel

Der Pfynwald gehört zu den artenreichsten Landschaften der Schweiz. Im Zusammenhang mit dem Bau der Autobahn A9 wurden hier umfassende ökologische Aufwertungen umgesetzt. Michel Fontannaz von der Dienststelle für Nationalstrassenbau des Kantons Wallis erklärt, welche Massnahmen umgesetzt wurden und welche Erfolge heute bereits sichtbar sind.

Gewässer des Jahres 2026 – Auenlandschaft Pfynwald

Der Pfynwald zeigt, wie lebendig Flussauen sein können: Wo die Rhone Raum hat, entstehen ständig neue Lebensräume. Aqua Viva zeichnet die einzigartige Auenlandschaft als Gewässer des Jahres 2026 aus. Der Pfynwald macht Hoffnung, dass sich Natur erholen kann, wenn man ihr wieder Raum gibt.